Der Verein für die Geschichte Berlins besuchte am 19. Mai die Stadt Oderberg. Die Vossische Zeitung bringt hierüber folgenden Bericht:
Oderberg war einst erheblich größer als das alte Berlin und lieferte hohe Summen aus dem Niederlagsrecht an die Landesfürsten ab. Wie rege die Verbindung zwischen beiden Städten war, geht schon daraus hervor, daß früher am Ende der Königsstraße der ehemaligen Georgenstraße, bis zu Beginn des 18. Jh. das auf alten Bildern noch gut erkennbare Oderberger Tor gestanden hat.
Während des Sommers benutzt man am besten den sonntäglichen Sonderzug der Stettiner Bahn, der über Eberswalde in wenig mehr als einer Stunde nach Niederfinow führt, wo bequeme Dampfer bereit liegen. Nach der Durchfahrt durch die Lieper Schleuse und den anliegenden See bleibt zur Linken der Schloßberg liegen, auf dem einst ein kurfürstliches Jagdhaus gestanden haben soll. Nahe der Einfahrt in den Oderberger See liegt der Teufelsberg, an dessen Fluß die kleinen schmucken bis zur Stadt sich hinziehenden Landhäuser beginnen. Begleiten uns von der Finow aus die das Auge erquickenden gewaltigen Wiesenflächen, die wohl als Heukammer Berlins bezeichnet worden sind, so wirkt das Landschaftsbild weiterhin durch ununterbrochenen Wechsel, indem die Wasserflächen durch Kähne und zahllose Flöße belebt sind, zu beiden Seiten am Horizont bewaldete Höhenzüge das reizvolle Panorama umschließen. Der Blick würde nie müde, auf diesen schönen Linien zu weilen und den ganzen Zauber der Natur auf sich einwirken zu lassen, wenn nicht die Menschen mit arger List sich selbst eine sogenannte Tagesordnung aufgebunden hätten, der jeder wie einer Instruction sich zu unterwerfen hat. So kehren wir denn in den gastlichen "Deutschen Hause" ein, wo ein verständiger Wirt ein wohlgepflegtes Glas Pschorr gegen die Trockenheit der Wissenschaft prophylaktisch in Anwendung bringt.
Aus einem längeren Vortrag des Lehrers Lange, der an Ortskundigkeit hier seinesgleichen nicht findet, war zu entnehmen, daß die Geschichte der Stadt Oderberg gar nicht viel dunkle Punkte bietet und daß auch ihre Schicksale nach einer Zeit hohen Glanzes meist unter einem ungünstigen Sterne gestanden. Ohne in die von der Sage umwobenen Zeiten zurückzugreifen, genügt es hier, zu erwähnen, daß die Askanier hier schon Besitzungen hatten, ehe Albrecht II. nach dem Zeugnis des Abtes von Zinna zum Schutze des Landes gegen die Einfälle der Pommern in Oderberg eine Burg errichtete. Als Ludwig I. im Jahre 1349 nahe der Stadt geschlagen worden, zerstörte der Feind die Burg ziemlich gründlich, worauf Ludwig II. einem Herrn von Uchtenhagen 1353 die Anlage einer Festung nebst Behausung auf dem Werder in der Oder gestattete. Nach verschiedenen Mauerresten, Gräbern und anderen Anzeichen, ist Herr Lange persönlich der Ansicht, daß das alte Schloß ganzn nahe der Stadt gestanden, zumal dort auch als Spuren einer größeren Hofhaltung Skelette von Fischen, Vögeln usw. sich gefunden haben. Das neue Schloß war mehrfach verpfändet, so 1371 auch an einen Nicolaus von Bismarck. Unter Georg Wilhelm wurde die Feste dann in Sand gesetzt, so daß sie 1637 und 1639 den Angriffen der Schweden erfolgreich widerstehen konnte. Seit der Zugehörigkeit Stettins zu Preußen war die Befestigung des Ortes zur Sicherung der Oder zwecklos, so daß dieselbe der Vernachlässigung verfiel und 1754 die mit Commandantur abgebrochen wurde.
Der Ort, der wahrscheinlich um die Mitte des 13. Jh. als eine erweiterte Ansiedlung bei dem Schlosse erstand, wird, wie Bergau angibt, zuerst 1259 als Stadt erwähnt. Oderberg wurde 1638 gründlich verwüstet und brannte 1671 größtenteils ab, wobei auch die meisten Urkunden über seine Geschichte verschwunden sind. Darum ist auch nur wenig über die alte Nikolaikirche bekannt, die 1638 durch die Schweden ausgebrannt, nachher zum Teil in Fachwerk ausgebaut und 1853 durch die heutige von Stüler erbaute Kirche ersetzt wurde. Dieselbe bewahrt auf dem Taufstein eine alte messingene Schüssel mit dem englischen Gruß, und unter dem Abendmahlsgerät einen Kelch, dessen Fuß neben zwei adeligen Wappen: (J.v.O. und C.v.B.) die Aufschrift trägt: Reno, 1669 Fatum, eine etwas wunderbare Schreibweise, die besagen soll, daß der Kelch 1669 erneuert wurde (Renovatum). In der Sakristei hängt eine alte Zeichnung des früheren Zustandes der Kirche, wonach der ehemalige Turm über der Glockenstube ein Uhrgeschoß und darüber einen Aufsatz für den Feuerwächter hatte. Das der Hauptstraße zugewandte Kreuzschiff läßt einen reicher gestalteten Giebel in märkischer Backsteinarchitektur erkennen. - Die letzten Reste einer Hospitalkapelle St. Marien am Wege nach Neuendorf führten zu weiteren Untersuchungen, wonach hier ein nachher nach dem Pehlitzer Werder im Parsteinsee verlegtes Kloster lag, das das Mutterkloster für Chorin wurde (1273). Nach einer Urkunde von 1233 wurde damals schon diesem ehemaligen Zisterzienser-Kloster eine Schenkung von 100 Hufen Landes vermacht. Noch heute erinnern mehrere Benennungen an das alte Kloster.
Für die Entwicklung der Stadt war zunächst der von alters her gepflegte Handelsverkehr maßgebend, nach dessen Beschränkung die Bürger sich mehr der Fischerei und dem Ackerbau zuwandten. Nach dem Landbuch Kaiser Karls IV. von 1375 brachte das Stapelgeld eine Summe, die nach heutigem Werte etwa 150.000 Mark betragen würde, einen Betrag, der allerdings in anderen Quellen niedriger angegeben wird. Im Mittelalter blühte hier auch der Weinbau, was die Verpflichtung der Stadt erklärt, nach Chorin alljährlich eine bestimmte Menge roten und blanke Wein (Weißwein) zu liefern. Neben den Niederlagsrecht, das die Stadt gegen andere Vorteile 1634 abtrat, besaß Oderberg eine sehr ausgedehnte Fischereigerechtigkeit und zeitweise eigene Gerichtsbarkeit. Die Stadt, die heute für den Holzhandel insbesondere eine große Bedeutung hat, hob sich infolge der verbesserten Verbindung durch Wege-, Brücken- und Eisenbahnbau und erhöhte die Zahl der Bürger seit 30 Jahren auf das Doppelte (4041). Der Vortragende schloß seine Beifällig aufgenommenen Mitteilungen mit eigenen Angaben aus der Geschichte des älteren Rathauses und den Segensreichen Folgen der besonders seit 1848 getroffenen Maßnahmen gegen das Hochwasser, wobei der Wasserspiegel gesenkt und große Gelände für die Landwirtschaft und Industrie gewonnen wurden.
Amtsgerichtsrat Dr. Béringuier überreichte dem Redner namens des Vorstandes die wertvolle Urkundensammlung des Vereins und fügte noch einige Bemerkungen über die Stelle des alten Schlosses bei, worüber, wie er bemerkte, noch mancherlei Streitfragen vorliegen. Gegen Mittag bestieg man unter freundlicher Führung der Eingeborenen, denen Herr Carl Wilke, der Verfasser eines Führers durch Oderberg, sich anschloß, zunächst den Albrechtsberg mit seinen wundervollen Fernblicken über das Odertal. Von hier aus erreicht man in wenigen Minuten das Kriegerdenkmal für die Oderberger Helden von 1864, 1866 und 1870, einen einfachen Obelisken, der von dem Adler gekrönt wird. Dann ging es durch fruchtbare Auen und schattige Wälder, hinunter und wieder hinauf, bis der herrlich gelegene Kaiser-Friedrich-Turm auf dem Pimpinellenberge erreicht war, der 1896 durch den Besitzer der Dampfschneidemühlen in Bralitz, Herrn C. Müller, erbaut wurde. Die Hoffnung, von diesem hochgelegenen Punkte die berühmte Aussicht genießen zu können, wurde infolge eines unerwarteten Regenschauers buchstäblich zu Wasser. Der Abstieg erfolgte nun beschleunigt nach dem Gasthof "Zur Eisguste", wo das gemeinsame Mahl unter Teilnahme des Bürgermeisters Sieg und des Stadtverordnetenvorstehers Forkel eingenommen wurde.
Auf dem Heimwege erfuhr man - leider etwas zu spät - von einer merkwürdigen Quelle, die schon Thurneysser vor 300 Jahren wegen ihres Mineralgehaltes gerühmt haben soll. Jedenfalls ein ehrwürdiger und achtbarer Anfang für ein Bad Oderberg, das für den ruhebedürftigen Berliner leicht zu erreichen ist.
P.W.
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