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Oderbergan der Alten Oder

Oderberg, seine Geschichte, seine Entwicklung

Von Rektor Conrad Donath

Oderberg ist in der glücklichen Lage, über seine geschichtliche Entwicklung verhältnismäßig reiche und zuverlässige Kunde zu besitzen. Wir wissen, daß die germanischen Semnonen um 400 aus der Mark nach Süden und Westen abzogen, worauf die wendischen Wilzen oder Lutizen in die verlassenen Gebiete eindrangen und schließlich alles Land bis zur Elbe erfüllten. Kaiser Karl der Große und nach ihm sein Sohn Karl im 10. Jh. die sächsischen Kaiser Heinrich I. und Otto der Groß waren bemüht, die Wenden zu unterjochen und zurückzudrängen. Aber e in allgemeiner Slavenaufstand vernichtete die Germanisierung und beginnende Christianisierung. In Verbindung mit diesen Kämpfen wird 972 schon der wendische Fischerort B a r s d y n - der heutige Oder berger Oberkietz - erwähnt. Als dann um 1180, also etwa 200 Jahre später, die askanischen Fürsten als deutsche und christliche Kultur pioniere in der Mark Fuß faßten, war Oderberg bereits eine blühende Handelsstätte mit starkem Oder-Bollwerk und einer Zollstelle. Daneben bestand hier als geistliche Stiftung ein Hospital für Reisende, das sich 1250 in ein Mönchskloster wandelte. In den damaligen Bestätigungsurkunden dieses Gottesstadt-Marienklosters hat Oderberg noch wendischen Namen, neben dem es seit 1215 auch seine deutsche Bezeichnung führte. Das Kloster wurde 1253 nach dem Parsteinsee und 1272 nach Chorin verlegt, wo es 1542 einging. Ihn schuldet Oderberg seinen Dank: St. Marien dachte wenig christlich immer nur an sich und hat Wohlstand und Freiheit unserer Stadt allzeit arg bedroht und geschmälert. Anders stellten sich die askanischen Markgrafen zu Oderberg. Albrecht II. erbaute 1207 zwischen Oder und heutigem Markplatze zwecks Odersperrung ein Schloß, in dem die Markgrafen - nachdem Oderberg 1213 in festen und bleibenden Besitz gelangt war - vorübergehend residierten; es ist im Laufe von 150 Jahren viermal von Feindeshand eingeäschert worden. Albrecht gab Oderberg 1215 auch seinen deutschen Namen; den Albrechtsberg krönte er mit einer Burg, unter deren Schutz sich deutsche Kaufleute, Handwerker, Landwirte und Fischer ansiedelten. Als Waldemar der Große, der 1313 in Oderberg einritt ünd die städtischen Gerechtsame bestätigte, im Jahre 1319 als letzter Sproß des ruhmreichen Askaniergeschlechts ins Grab sank, begann für die ganze Mark eine kritische, sorgenschwere Zeit. Wohl übertrug Kaiser Ludwig der Bayer 1324 seinem achtjährigen Sohne Ludwig dem Älteren das erledigte brandenburgische Lehen; aber was war damit getan! Beutegierig lauerten im Norden die Herzöge von Pommern und Mecklenburg, im Osten Deutschritter und Polen, im Süden Sachsen und Böhmen, im Westen der Erzbischof von Magdeburg. Dazu schwanden im Innern der Mark Zucht und Ordnung. Kein Wunder, daß die Brandenburger den 1348 auftretenden falschen Waldemar mit offenen Armen aufnahmen, hofften sie doch, -mit ihm werde die alte, glückliche Zeit wiederkehren. Auch der inzwischen an das Reichsruder gekommene luxemburgiLsche Kaiser Karl IV. unterstützte ihn, freilich nur auf dynastischem Haß gegen den bayrischen Markgrafen Ludwig. Ebenso leisteten die Mecklenburger dem falschen Waldemar tatkräftige Hilfe, weil ihnen die Verschärfung der Wirren und die daraus sich ergebende weitere Schwächung der Mark gelegen kamen. In der Schlacht bei Oderberg am 18. August 1349, und zwar in einem nördlichen engen Tale - heute "An der Trift" genannt, - schlugen, die verbündeten Mecklenburger und Pommern den Markgrafen -Ludwig und zerstörten darauf die Albrechtsburg. Der falsche Waldemar konnte sich freilich trotzdem nicht halten. Nachdem ihn Kaiser Karl IV. 1350 auf dem Reichstage zu Regensburg als Betrüger erklärt und gestürzt hatte, erbauten die brandenburgischen Herren von Wedel und von Uchtenhagen 1353-1355 als Ersatz für die zerstörte Albrechtsburg auf einem Oderwerder den "Bärenkasten"; er war als Schutz Brandenburgs, als Odersperre und Zollstation gedacht.

Am 18. Januar 1371 gelangte der Bärenkasten als Pfandbesitz in die Hand des brandenburgischen Kanzlers Nikolaus von Bismarck. Um diese Zeit scheint Oderberg seine höchste Blüte erlebt zu haben. Auf mehreren großen Handelsstraßen, die hier einmündeten, brachten Handelsleute mit oder ohne Fuhrwerk riesige Warenmengen aller Art. Oderberg hatte das Recht, alle diese Waren nebst jenen, die auf der Oder abwärts fuhren, anzuhalten; sie mußten hier zugunsten der landesherrlichen Kasse verzollt und drei Tage lang zum Verkauf ausgelegt werden. Der Handel muß ganz gewaltig gewesen sein; denn nach dem Landbuche Kaiser Karls IV. 1375 war Oderbergs jährliche Niederlage-Gebühr von 400 Schock Groschen - nach heutigem Gelde etwa 200 000 Mark - die bedeutendste landesherrliche Einnahmequelle. Hiermit steht auch die 30 Jahre jüngere Kunde in Einklang, daß nämlich am 2. Juli 1407 Kaier Sigismunds Vetter, Jobst von Mähren, Oderberg nebst Zoll an Hinko Slawatz von der Dubra für 6000 Schock böhmische Groschen verpfändete. Damals stand ja die Hanse auf dem Gipfel ihrer Macht; Oderberg vermittelte den Warenverkehr zwischen Ostsee und dem Binnenlande, hatte Handelsverbindung mit Magdeburg, Hamburg, Breslau, Krakau, Prag; Berlin und Frankfurt a. 0. konnten sich nicht mit ihm messen; unter einen Kunden spielten die großen Berliner Patrizierfamilien eine große Rolle. Durch eine direkte Landstraße mit Altberlin verbunden, wird unser Oderberg in Urkunden wiederholt "Berliner Haupthafen" genannt. In Alt-Berlin wurden Oderberg zu Ehren die Hauptstraße, an der auch das Rathaus lag, sowie das verkehrsreichste Tor nach ihm benannt, ein beredter Beweis intimer Beziehungen beider Städte. Durch Verfall der Hanse und Verlegung der Handelsstraßen zugunsten der neuen Städte Angermünde und Eberswalde, zufolge Verzettelung der Gerechtsame durch die stets geldknappen Landesherren kamen jedoch diese Privilegien so herunter, daß die Stadt im Jahre 1643 ihr ehedem außerordentlich einträgliches Niederlagsrecht um 53 Taler Steuerrückstand darangab. Das Städtchen, dessen Bewohnerzahl um 1700 kaum noch 500 betrug, kam freilich langsam wieder in bessere Verhältnisse, hat jedoch seine ehemalige Höhe nicht mehr erreicht.

Fast 400 Jahre lang war der Bärenkasten der treue Schicksalsgenosse Oderbergs und Brandenburgs. Wohl haben ihn Feinde vielmals belagert, beschossen und berannt, aber niemals mit Waffengewalt eingenommen. Als 1631 der große Schwedenkönig Gustav Adolf von Pommern her durch die Mark zog und Oderberg berührte, forderte er Öffnung der Tore des Bärenkastens. Sein Vorgeben, er komme als Freund, machte ebenso wenig Eindruck, wie seine Drohung, er werde Gewalt gebrauchen. Die brandenburgische Besatzung mißtraute ihm und tat recht daran; denn die späteren Verhandlungen mit seinem Schwager, dem Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg, bezeugen, daß Gustav Adolf die protestantischen deutschen Fürsten zu unselbständigen Anhängern seiner Sache herabrücken wollte. So mußte er denn arm 16. Juni 1631 unverrichteter Sache wieder abziehen.

Nach Gustav Adolfs Tode schloß Kurfürst Georg Wilhelm 1635 mit Kaiser Ferdinand II. den Frieden zu Prag; dafür nahmen die Schweden furchtbare Rache. Nach ihrem Siege 1636 bei Wittstock unter General Baner fielen sie über die Mark her. Die schwedischen Horden kamen hierbei auch nach Oderberg und beschossen von der "Bastei" aus, wo sie ihre Kanonen aufgestellt hatten, den Bärenkasten; sie vermochten ihn aber auch diesmal nicht einzunehmen. Die schutzlose Stadt hatte bei solchen und ähnlichen Vorfällen schrecklich auszustehen; und so konnte es nicht überraschen, daß der Ort einmal sieben Jahre lang keine Einwohner aufwies, da sie sich vorrübergehend auf Oderinseln ansiedelten.

Als schließlich 1720 nach dem nordischem Kriege im Frieden zu Stockholm das Ostsee-Vorland Vorpommern mit dem starken Stettin in brandenburgisch-preußischen Besitz gelangte, wurde der Bärenkasten als Befestigung und Odersperre zwecklos. Im Jahre 1736 verlor er seine Besatzung, darauf wurde er desarmiert und geschleift; die gewonnenen Baumaterialien verkaufte der sparsame König Friedrich Wilhelm I.; z.T. verschenkte er sie den Anbauenden. Später hielt man mit weiterer Zerstörung an, so daß und die 3 -Meter starken und stellenweis noch 10 Meter hohen Außenmauern, die das 60 Meter lange und 40 Meter breite Festungsgebiet umschließen, als imposante Ruine erhalten blieben. An den Zäunen, Wegen und Mauern erblickt man überall den charakteristischen Holunderstrauch; hier und da rankt der Epheu empor, das Abzeichen der Vergänglichkeit irdischer Größe.

Oderberg selbst erhielt durch die jahrhundertelangen Kämpfe, durch Überschwemmungen und mehrere Stadtbrände seine heutige Gestalt; der letzte große Brand am Pfingstmontage 1672 äscherte Oderberg nochmals gänzlich ein. Auch die Oder änderte fortgesetzt das Stadtbild. Die Altstadt, von Berg und Fluß umklammert, hatte nur knappen Raum für vier Straßenzüge, durch einzelne Gassen verbunden. Mehr Ausdehnungsmöglichkeit gewann man erst, als das Oderbruch jenseits der Oder trockengelegt wurde, so daß dort 1867 die Neustadt mit der Wilhelmstraße entstehen konnte. Mit der Trockenlegung des Oderbruchs begann bekanntlich schon Friedrich der Große. Er ließ zu diesem Zwecke den Höhenzug auf der Insel Neuenhagen durchstechen, so daß die Oder von Güstebiese geradewegs nach Hohensaaten strömte und Oderberg im buchstäblichen Sinne des Wortes "links liegen blieb". Vom Schiffsverkehr Stettin-Breslau sah Oderberg seit jener Zeit nichts mehr. Vom Güterverkehr Stettin-Berlin blieb seit Bestehen des Finowkanals wenigstens noch der Anblick der vorbeisegelnden und dampfenden Kähne. Nur die Landwirtschaft hatte von der Oderregulierung und Urbarmachung des Oderbruchs Gewinn, indem der fette Bruchboden vorzüglichen Weizenboden darstellt.

Eine neue Erwerbsquelle für die Oderberger Bevölkerung wurde vor etwa 80 Jahren die Holzindustrie. Mehrere Dampfschneidemühlen verarbeiten die bis hierher geflößten Rundhölzer. Auf der Alten Oder und auf dem Oderberger See lagern die Flöße oft monatelang- und bilden so ein typisches Wahrzeichen unserer Gegend. Am Höhenrande entlang im Zuge des alten Finowkanals und der alten Oder vom "Mittelbusch" abwärts zieht sich seit 10 Jahren der Großschiffahrtsweg Hohensaaten - und damit der Weg Stettin - Berlin. Stampfende Schleppdampfer ziehen täglich mehrmals Schleppzüge großer Elb- oder Oderkähne oder auch bloß finowmäßige an dem friedlichen Bergstädtchen vorbei.

Oderbergs landschaftliche Lage ist ein Kapitel für sich: Alte Oder, Mittelbusch, Hohenzollern-Kanal, Oderberger See, Albrechtsberg, Bastei in nächster Nähe, sodann Pimpinellenberg mit Kaiser Friedrich-Turm, Schwarzer See, Maienpfuhl, Lindseen, Rosinsee, Lieper Schleusentreppe in der weiteren Umgebung, - diese und anderen Namen sind bereits Tausenden von märkischen. Wanderern besonders Berlinern, wohl bekannt. Magistrat und Oderberger Verkehrsverein bemühen sich, durch Wegemarkierung, Nachweisung von Quartieren, Einrichtung von Motorboot- und Dampferverbindungen u.s.f. im Interesse der Besucher zu Wirken. Und in der Tat: Oderberg birgt soviel Anregendes und Einzigartiges, seine Umgebung bietet soviel unverfälschte, herzerfrischende und bezaubernde Natur, daß auch ein Verwöhnter sich der Bewunderung nicht entziehen kann. Wen nicht besondere Gründe in die Ferne treiben, wer lediglich Naturschönheit, Ruhe und Erholung sucht, braucht nicht bis Thüringen zu reisen; er wandere wie Theodor Fontane durch die Mark und kehre dabei auch in Oderberg ein.

Q 34, S.90-93

Übernommen von oderberg.info/geschichte_donath.php · Textstand 29.1.2020